Jean SCHOVING

 

 

Ein Leben

als Sohn eines Unwürdigen

 

 

 

 
Kapitel eins

 

 

In Bewunderung vor der arabischen Kalligraphie hatte ich mir in den Kopf gesetzt, die Sprache zu erlernen. Hierfür habe ich mich an der Volkshochschule Saarbücken angemeldet, wo der Lehrer syrischer Herkunft Mohamed Hiyazi einmal pro Woche sein Wissen vermittelte. Die ersten Stunden waren der arabischen Schrift gewidmet. Das vom Islam verbreitete arabische Alphabet umfasst 28 Buchstaben, die sich unterschiedlich schreiben, je nachdem, ob sie einzeln, am Anfang, in der Mitte oder am Ende eines Wortes stehen. Das war zuviel für einen einzigen Mann. Und ich rede nicht mal von der Aussprache. Das Arabische war Chinesisch für mich. Oder, wie ein französischer Mitschüler behauptete, schlimmer als Japanisch, das zu lernen er sich auf seinen alten Tagen als Ziel an der gleichen Volkshochschule gesetzt hatte.

Wie hatten unter eigenartigen Umständen Bekanntschaft gemacht. Zurück auf dem Parkplatz nach dem Abendkurs konnten wir feststellen, dass alle vier Reifen unserer Fahrzeuge platt waren und die Fahrzeuge selbst in Toilettenpapier gewickelt und mit Ketchup beschmiert waren. Es war die Walpurgisnacht oder Hexennacht, die einige jüngere Altersgruppen der Bevölkerung des Saarlands und des östlichen Teils des Départements Moselle streng einhielten. Wie konnten wir fahren mit vier Reifen ohne Luft? Daher sind wir gemeinsam zur nächsten Tankstelle geeilt, um dort einen fahrbaren Kompressor gegen ein ordentliches Pfand auszuleihen. Nachdem die Reifen mehr oder übel wieder aufgefüllt waren und der Kompressor seinem Eigentümer rückerstattet war, sind wir hintereinander nach Frankreich zurückgekehrt, wobei jeder den anderen überwachte, um unliebsamen Geschehnissen vorzubeugen. Aber dieser Zwischenfall hat das Ende meiner Begeisterung für die arabische Sprache bedeutet, die zu meiner Schande meine geistigen Fähigkeiten überschritt. Dabei praktizieren sie tagtäglich Millionen von Personen weltweit.

 

Meine Kurzsichtigkeit hatte mittlerweile minus neun Dioptrien erreicht und die Gläser meiner abends gelegentlich genutzten Brille waren dick wie Lupen geworden. Nachdem ich fünfundzwanzig Jahre lang Kontaktlinsen getragen hatte, beschloss ich, mich durch Laser operieren zu lassen. Der Eingriff erfolgte Anfang Januar 1997 in Straßburg. Nahezu von einem Tag zum anderen brauchte ich weder Kontaktlinsen, noch Brillengläser. Welch ein Komfort! Aber nach zwei Jahren hat mein Augenlicht begonnen, sich wieder leicht zu verschlechtern. Sieben Jahre später bin ich an beiden Augen am grauen Star operiert worden. Anscheinend steht diese frühe Operation in Verbindung mit meiner vorausgegangenen Kurzsichtigkeit, denn ohne außergewöhnlich zu sein, ist eine Operation am grauen Star unter 60 Jahren doch eine Seltenheit. Oder hatte ich vielleicht allzu sehr direkt in die Sonne geschaut, wie es mein Marathonschüler Albert Rusché empfahl, um seine Sicht zu stärken?

Ab April 1998 habe ich begonnen, unter gelegentlichen Herzproblemen in Form einer plötzlichen Beschleunigung der Herzfrequenz bis zu 220 Schlägen in der Minute zu leiden. Nach sofortiger Unterbrechung meiner sportlichen Betätigung kehrte der Pulschlag plötzlich nach einer bis zwei Minuten zu einer normalen Schlagfrequenz zurück. Andernfalls verspürte ich eine allmähliche Muskelnot, die mich zur Einstellung meines Laufes zwang. Die ersten Zwischenfälle, insbesondere der vom 11. April im Wald von Belle-Roche, haben mich selbstverständlich sehr beunruhigt. Aber der Kardiologe hat nichts Verdächtiges gefunden, und somit habe ich mich an dieses Problem gewöhnt. Einige Jahre später habe ich durch persönliche Recherchen herausgefunden, dass ich nicht der einzige Sportler bin, der unter supraventrikulärer Tachykardie oder Herzrasen vom Typ Bouveret-Hoffman-Krankheit leidet. Die Behandlung beruht auf einer Radiofrequenz-Katheterablation der anormalen Leitung mittels Thermografie; da für mich die Auswirkung dieser paroxystischen Tachykardie auf die sportliche Leistung nicht mehr so wichtig war und das Leiden meist harmlos ist, habe ich mich damit abgefunden.  

 

Vom 100 m bis zu den 100 km hatte ich wettkampfmäßig alle Strecken des Leichtathletikprogramms mit Ausnahme der Hürden- und Hindernisläufe bestritten. Es blieb mir noch übrig, die Erfahrung der Ultralangstrecken zu machen. Das habe ich am 3. und 4. Dezember 1999 gewagt, indem ich an einem Wettkampf über 24 Stunden in Puttelange-aux-Lacs unweit von Forbach im Rahmen der alljährlich in Frankreich stattfindenden Wohltätigkeitsveranstaltung Téléthon teilgenommen habe. Für diese Ausdauerleistung hatte ich mich durch ein langes Training über 8 Stunden, von 19 Uhr bis 3 Uhr morgens auf einer 2 Kilometer langen Rundstrecke zwei Wochen zuvor in Forbach vorbereitet. Ich hatte 71 Kilometer zurückgelegt, hauptsächlich im Laufschritt mit Unterbrechungen im sportlichen Gehen. In Puttelange, beim Start um 18 Uhr, hatte ich einen normalen Arbeitstag hinter mir, für den ich wie gewohnt um 6 Uhr aufgestanden war.

Nach zweistündigem Laufen unter ununterbrochenem Regen habe ich angefangen, abwechselnd zu laufen und zu gehen. Gegen 21 Uhr ist Hedwig mit ihrer jüngsten Tochter Michèle als Zuschauerin gekommen. Ich mochte Michèle sehr, was nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, wie mir schien, und dass sie den Weg nicht gescheut hatte, hat mich sehr gefreut. Mitten in der Nacht hatte ich einen kleinen, aber vorübergehenden Schwächeanfall zu überwinden. Guy Kottmann, mein treuer Begleiter, ist bis fünf Uhr an meiner Seite geblieben. In den gesamten 24 Stunden hat der Regen höchstens eine Stunde lang ausgesetzt: Der zum Teil aufgeweichte Rundkurs mit einem Kilometer Länge hat mich gezwungen, sechsmal die Socken zu wechseln. Der zweite Teil des Wettkampfs war leichter aufgrund des Tageslichtes und am Ende der 24 Stunden hatte ich 143 Kilometer zurückgelegt. Am nächsten Tag, einem Sonntag, hatte ich keine Muße, mich auszuruhen, denn ich hatte eine dringende Übersetzung zu liefern.