Jean SCHOVING
Ein Leben
als
Sohn eines Unwürdigen
Kapitel
eins
In Bewunderung vor der arabischen Kalligraphie
hatte ich mir in den Kopf gesetzt, die Sprache zu erlernen. Hierfür habe ich mich
an der Volkshochschule Saarbücken angemeldet, wo der Lehrer syrischer Herkunft
Mohamed Hiyazi einmal pro Woche sein Wissen vermittelte. Die ersten Stunden
waren der arabischen Schrift gewidmet. Das vom Islam verbreitete arabische
Alphabet umfasst 28 Buchstaben, die sich unterschiedlich schreiben, je nachdem,
ob sie einzeln, am Anfang, in der Mitte oder am Ende eines Wortes stehen. Das
war zuviel für einen einzigen Mann. Und ich rede nicht mal von der Aussprache.
Das Arabische war Chinesisch für mich. Oder, wie ein französischer Mitschüler
behauptete, schlimmer als Japanisch, das zu lernen er sich auf seinen alten
Tagen als Ziel an der gleichen Volkshochschule gesetzt hatte.
Wie hatten unter eigenartigen Umständen
Bekanntschaft gemacht. Zurück auf dem Parkplatz nach dem Abendkurs konnten wir
feststellen, dass alle vier Reifen unserer Fahrzeuge platt waren und die
Fahrzeuge selbst in Toilettenpapier gewickelt und mit Ketchup beschmiert waren.
Es war die Walpurgisnacht oder Hexennacht, die einige jüngere Altersgruppen der
Bevölkerung des Saarlands und des östlichen Teils des Départements Moselle
streng einhielten. Wie konnten wir fahren mit vier Reifen ohne Luft? Daher sind
wir gemeinsam zur nächsten Tankstelle geeilt, um dort einen fahrbaren
Kompressor gegen ein ordentliches Pfand auszuleihen. Nachdem die Reifen mehr
oder übel wieder aufgefüllt waren und der Kompressor seinem Eigentümer
rückerstattet war, sind wir hintereinander nach Frankreich zurückgekehrt, wobei
jeder den anderen überwachte, um unliebsamen Geschehnissen vorzubeugen. Aber
dieser Zwischenfall hat das Ende meiner Begeisterung für die arabische Sprache
bedeutet, die zu meiner Schande meine geistigen Fähigkeiten überschritt. Dabei
praktizieren sie tagtäglich Millionen von Personen weltweit.
Meine Kurzsichtigkeit hatte mittlerweile minus
neun Dioptrien erreicht und die Gläser meiner abends gelegentlich genutzten
Brille waren dick wie Lupen geworden. Nachdem ich fünfundzwanzig Jahre lang
Kontaktlinsen getragen hatte, beschloss ich, mich durch Laser operieren zu
lassen. Der Eingriff erfolgte Anfang Januar
Ab April 1998 habe ich begonnen, unter
gelegentlichen Herzproblemen in Form einer plötzlichen Beschleunigung der
Herzfrequenz bis zu 220 Schlägen in der Minute zu leiden. Nach sofortiger
Unterbrechung meiner sportlichen Betätigung kehrte der Pulschlag plötzlich nach
einer bis zwei Minuten zu einer normalen Schlagfrequenz zurück. Andernfalls
verspürte ich eine allmähliche Muskelnot, die mich zur Einstellung meines
Laufes zwang. Die ersten Zwischenfälle, insbesondere der vom 11. April im
Wald von Belle-Roche, haben mich selbstverständlich sehr beunruhigt. Aber der Kardiologe
hat nichts Verdächtiges gefunden, und somit habe ich mich an dieses Problem
gewöhnt. Einige Jahre später habe ich durch persönliche Recherchen
herausgefunden, dass ich nicht der einzige Sportler bin, der unter
supraventrikulärer Tachykardie oder Herzrasen vom Typ
Bouveret-Hoffman-Krankheit leidet. Die Behandlung beruht auf einer Radiofrequenz-Katheterablation der anormalen Leitung mittels Thermografie; da für
mich die Auswirkung dieser paroxystischen Tachykardie auf die sportliche
Leistung nicht mehr so wichtig war und das Leiden meist harmlos ist, habe ich
mich damit abgefunden.
Vom
Nach zweistündigem Laufen unter
ununterbrochenem Regen habe ich angefangen, abwechselnd zu laufen und zu gehen.
Gegen 21 Uhr ist Hedwig mit ihrer jüngsten Tochter Michèle als Zuschauerin
gekommen. Ich mochte Michèle sehr, was nicht auf Gegenseitigkeit beruhte, wie
mir schien, und dass sie den Weg nicht gescheut hatte, hat mich sehr gefreut.
Mitten in der Nacht hatte ich einen kleinen, aber vorübergehenden
Schwächeanfall zu überwinden. Guy Kottmann, mein treuer Begleiter, ist bis fünf
Uhr an meiner Seite geblieben. In den gesamten 24 Stunden hat der Regen
höchstens eine Stunde lang ausgesetzt: Der zum Teil aufgeweichte Rundkurs mit
einem Kilometer Länge hat mich gezwungen, sechsmal die Socken zu wechseln. Der
zweite Teil des Wettkampfs war leichter aufgrund des Tageslichtes und am Ende der
24 Stunden hatte ich